Die Bahn baut ihre Strecke Bremen-Uelzen aus

Bald ist Tempo 120 möglich

Soltau . Die Bahnlinie von Hannover nach Buchholz ist eine der modernsten weit und breit. Zur Betriebsübergabe an das Eisenbahnunternehmen “Erixx”, zum Fahrplanwechsel am 11. Dezember, hatte die Deutsche Bahn ihre Strecke hergerichtet. Überwiegend aus Landes- und Bundesmitteln sind rund 93 Millionen Euro in die sogenannte Ertüchtigung geflossen. Besonderes Augenmerk lag dabei auf der Sicherheit – denn Erixx ist gefährlich.

Bis vor wenigen Wochen hatte die Deutsche Bahn (DB) die Strecken der Heidekreuzbahn selbst befahren: In Nord-Süd-Richtung von Buchholz nach Hannover und von West nach Ost auf der Strecke Bremen-Uelzen. Im Zentrum des Heidekreuzes, in Soltau, hat die Erixx GmbH ihren Sitz. 27 nagelneue Züge der niedersächsischen Landesnahverkehrsgesellschaft (LNVG) fahren dort seit dem Fahrplanwechsel am 11. Dezember. Allerdings mit unterschiedlichem Tempo.

In West-Ost-Richtung fahren die Züge – wie bislang – mit höchstens 80 Kilometern pro Stunde, in Nord-Süd-Richtung schon mit Tempo 120. Im kommenden Jahr soll der Ausbau der Strecke von der Neben- zur Hauptbahn beginnen. Vom 27. August bis zum 22. Oktober, sagt Erixx-Betriebsleiter Johann Ubben, werde der Abschnitt zwischen Langwedel und Soltau komplett saniert. Dann kann künftig auch dort mit Tempo 120 gefahren werden.

Wo aus Neben- Hauptbahnen werden, die statt 80 Tempo 120 fahren sind außer Blinkleuchten Halbschranken Vorschrift.

Die sogenannte Streckenertüchtigung liefert Erixx Werbeargumente: Der neue Heidesprinter ist schneller unterwegs als die alte Heidebahn, die Fahrzeuge bieten modernsten Komfort. Genau das bereitet Unternehmenssprecherin Simone Heitmann aber auch Sorgen. “Die Züge sind schneller und leiser geworden, sie werden nicht mehr so schnell wahrgenommen. Das bringt Gefahren mit sich.”

Im Sommer, als die Züge noch als Bummelbahn verkehrten, kam es in Holm-Seppensen bei Buchholz zum Zusammenstoß mit einem Auto. Der Fahrer hatte den Zug offenbar übersehen und wurde schwer verletzt. Ende November erlitten Fahrer und Beifahrer eines Kleinbusses ebenfalls schwere Verletzungen, als ihr Auto auf dem Bahnübergang in Essel bei Schwarmstedt von einem DB-Regio-Zug gerammt wurde.

Schwerer Unfall in Hope

Nicht weit entfernt, in Hope, hatte sich an derselben Bahnlinie im Sommer 2008 ein schwerer Unfall ereignet: Vier junge Erntehelfer starben bei der Kollision ihres Autos mit einem Zug, eine junge Mitfahrerin wurde schwer verletzt. Der Gleisübergang Gleis war lediglich durch ein Andreaskreuz gesichert.

Damals wurde Kritik an der Deutschen Bahn laut, sie möge ihre Übergänge besser sichern. Im Jahr 2008 gab es in Niedersachsen 2374 Bahnübergänge, von denen 944 nicht technisch, sondern nur mit Schildern gesichert waren, 130 verfügten über Warnleuchten. Der Ausbau zur Hauptbahn mit höherem Zugtempo ist automatisch damit verbunden, die Übergänge besser auszustatten: Gelbe und rote Warnleuchten und Halbschranken gehören dazu.

“Grundsätzlich ist jeder Bahnübergang besser gesichert als eine Straßenkreuzung”, sagt DB-Sprecherin Sabine Brunkhorst. Doch damit ist offenbar längst nicht die Gefahr gebannt. Zumindest Detlef Moors von der Bundespolizei in Lüneburg, in deren Zuständigkeitsbereich auch der Heidesprinter fährt, sieht Grund zur Skepsis: “Eine Untersuchung des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs hat ergeben, dass jeder Fünfte in Ausnahmefällen bereit wäre, Halbschranken zu umfahren oder zu umgehen.”

Neben der Risikofreude spielten auch Gleichgültigkeit und Gewohnheit eine wichtige Rolle, sagt Moors. “Schleichwege, also wilde Bahnübergänge, stellen die größte Gefahr dar.” Das betrifft sowohl entlegene Feldwege als auch Trampelpfade zu den Gleisen, die im Handumdrehen entstünden, wo Neubaugebiete eingerichtet werden.

Die Bundespolizei plant eine Aufklärungsaktion entlang der Erixx-Strecke. Dabei soll an die Vorbildfunktion für Kinder erinnert werden. Neu dürfte vielen sein, was es kostet, sich am Gleis falsch zu verhalten: “Wer geschlossene Schranken umfährt, zahlt 700 Euro, bekommt drei Monate Fahrverbot und vier Punkte”, sagt Moors. Fußgänger zahlen 350 Euro und bekommen, wenn sie einen Führerschein haben, ebenfalls vier Punkte in der Verkehrssünderkartei. “Kommt es zur Notbremsung, sind wir schon im Straftatsbereich: Ein Eingriff in den Bahnverkehr zieht immer eine Strafanzeige nach sich.”

Sabine Brunkhorst von der DB geht davon aus, dass so mancher Verkehrsteilnehmer mit Blinklichtern und Warnbaken vor Gleiskreuzungen ganz einfach nichts anfangen kann: “Autofahrer sind vergesslich, viele wissen gar nicht mehr, was ein Andreaskreuz ist.”

Routine kann gefährlich werden

Schon der jährliche Fahrplanwechsel, haben Bundespolizei und Bahn festgestellt, birgt Gefahren: Plötzlich fahren Züge zu ungewohnten Zeiten. Neben dem Heidesprinter sind nicht nur der Metronom und die Nordwestbahn auf den Gleisen der Region unterwegs, sondern nach Angaben der DB-Sprecherin auch noch die Züge von rund 300 Güterverkehrsunternehmen.

“Routine und Gleichgültigkeit sind schlechte Begleiter”, sagt Sabine Brunkhorst – wo immer man deren Wege kreuzt. Die Statistik der Bahn als Netzbetreiber listet – bundesweit – für das Jahr 2010 Unfälle mit 251 Personen an Bahnübergängen auf. 45 Menschen kamen dabei ums Leben, 36 wurden schwer, 170 leicht verletzt. Die Zahl der Unfälle hat seit dem Jahr 2008 zugenommen. “Mit 94 Prozent liegt die Unfallschuld zum größten Teil bei den Straßenverkehrsteilnehmern”, teilt die DB mit. Unterdessen wurde die Zahl der Bahnübergänge abgebaut.

Bundesweit sank die Zahl von 20385 im Jahr 2008 auf 19521 Ende 2010. In Niedersachsen existierten zu diesem Zeitpunkt noch 2304 Übergänge. Inzwischen sind es noch weniger: “Der beste Bahnübergang ist der, den es gar nicht gibt”, sagt Sabine Brunkhorst. Sicher ist sicher. Im Zuge des Streckenausbaus für den Erixx am 36 Kilometer langen Abschnitt zwischen Bennemühlen und Walsrode seien 13 der insgesamt 35 Bahnübergänge geschlossen und 19 umgebaut oder neu ausgestattet worden.

Im nördlichen Streckenabschnitt, zwischen Buchholz und Soltau, gibt es insgesamt 41 Bahnübergänge, die allesamt hätten angepasst oder umgebaut werden müssen, um Erixx und der Kategorie Hauptbahn gerecht zu werden. An zehn Bahnübergängen allerdings werde noch bis ins Frühjahr hinein gearbeitet, sagt Sabine Brunkhorst.

In Schneverdingen beispielsweise müssen Fahrdienstleiter jeden Zug ankündigen, damit die Büps genannten Bahnübergangsposten einen mobilen Schlagbaum auseinanderfalten und so den Übergang sichern können. Das ist Vorschrift, “sonst dürften wir dort nicht Tempo 120 fahren”, sagt Erixx-Betriebsleiter Johann Ubben.

Von Justus Randt

Quelle: WESER KURIER

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